Archiv der Kategorie: Veranstaltung

Hörklub Phonopoetik und das Fußballhörspiel: Ein Somm(hör)märchen

Nach dem Auftakt folgte der Kick-off: Am 08.06. traf sich der Hörklub Phonopoetik ein zweites Mal, diesmal unter dem Motto Das Hörspiel und der Fußball: Ein Sommermärchen. Passend zur Fußball-WM konnten die knapp 20 hochschulinternen Teilnehmenden in kurze Hörspielausschnitte hineinhören und unter der Moderation von Georgina Wheeler und Linnea Gehlert von der Forschungsstelle Phonopoetik sowie Dr. Jill Thielsen über Kontexte und Gestaltung der Hörstücke diskutieren. Nach einem kurzen Treffen vor dem Stadion folgte in der ersten Halbzeit ein multinationales Qualifikationsspiel. Die Halbzeitpause stand ganz unter dem Motto des Fußballkommentars und konnte die in der ersten Halbzeit bereits angedeutete Tendenz zur O-Ton-Collage im Fußballhörspiel weiter bestärken. In der zweiten Halbzeit wurde es selbstreflexiv, bis schließlich das letzte Hörbeispiel selbst zum Aufhören aufrief.

Unsere Publikumsfavoriten

Platz 1
Ferdinand Kriwet: Ball (Hörtext 10, WDR/NDR 1975)

Platz 2
Günther Koch: Geisterspiel (BR 2004)

Ferdinand Kriwet: Radioball (Hörtext 11, WDR 1975)

Platz 3 
Elfride Jelinek: Sportchor (BR 2006)

Die Hörliste

Erste Halbzeit
1) Pratolini, Vasco; Giagni, Gian Domenico: Der Sonntag der braven Leute (BR 1957)

Im italienischen Original 1953 mit dem Hörspielpreis des italienischen Rundfunks ausgezeichnet, zeigt auch die deutschsprachige Umsetzung unter der Regie von Heinz von Cramer eindrucksvoll die Begeisterung einer ganzen Stadt für den Fußball. Was narrativ durch einen Erzähler geleitet beginnt, entwickelt sich schnell zu einem Klangmosaik eines Fußballsonntages in Italien.

2) Harig, Ludwig: Das Fußballspiel (SR/SWF 1966)

Als mutmaßlich erstes Hörstück, das als Stereoproduktion konzipiert wurde, zeichnet Das Fußballspiel nicht nur das Spiel mit Raum und Klang, sondern auch mit den Erzählebenen aus. Es geht um Fußball – natürlich – aber es geht auch um eine scheiternde Ehe und gesellschaftlichen Erwartungsdruck.

3) Messerli, Robert: König F (SRF 1970)

Die sechsteilige schweizerdeutsche Produktion folgt dem Protagonisten und erfolgreichen jungen Fußballprofi Toni Tschümperli. Anders als in den bisherigen Beispielen steht dabei oft eben nicht das Spiel selbst im Fokus, sondern alles, was darum passiert.

4) Kriwet, Ferdinand: Modell Fortuna (Hörtext 8, WDR 1972)

Bei dieser O-Ton-Collage komponiert Kriwet Stadiongesänge und -klänge der Fortuna-Düsseldorf-Fans so, dass die Fragmentierung eine rhythmisierte, aber entfremdete Klangkulisse erzeugt. Neben aufmunternden Zurufen entstehen auch bedrohlich anmutende Sequenzen, die das Spiel zur Schlacht umcodieren.

5) Kriwet, Ferdinand: Ball (Hörtext 10, WDR/NDR 1975)

Kameradschaft und Treue, Fairness und Moral – das sind nur einige der zentralen Werte, die Kriwets Hörtext aus den O-Tönen zahlreicher Fußball-Fans unterschiedlicher Vereine herausfiltert. Zugleich zeigen die eingefangenen Stimmen, dass erstens die Referenz der Anhängerschaft, also der Verein, austauschbar wird und dass zweitens einige der zentralen Werte in der Praxis zu unauflösbaren Widersprüchen werden.

Halbzeitpause
6) Kriwet, Ferdinand: Radioball (Hörtext 11, WDR 1975)

Die Berichterstattung in Funk und Fernsehen gehört zum Fußball wie der Stutzen zum Schienbein – die Collage von Medientönen aus den zahlreichen Sport-Formaten verweist dabei aber auch auf das begrenzte Repertoire und die stete Wiederholung nahezu identischer Ereignisse und Beschreibungen.

7) Wolf, Ror: Die heiße Luft der Spiele (SR/SWF/ SDR 1972)

Das Hörspiel kombiniert unterschiedliche Perspektiven und Redemodi über den Fußball – Originalaufnahmen aus dem Stadion und O-Töne von Fans wechseln sich ab mit eingesprochenen Erinnerungen und literarisierten Textpassagen, bei denen die referentielle Funktion des Fußballberichts durch eine lyrisch-poetisierende Rede ersetzt wird. ‚Fußball‘ ist in dieser Logik vor allem Redegegenstand und immer ein sprachlich vermitteltes Ereignis.

8) Koch, Günther: Geisterspiel (BR 2004)

Das Dokumentarhörspiel stellt ein besonderes Ereignis dar: Zum ersten Mal in der deutschen Fußballgeschichte findet ein Bundesligaspiel unter Ausschluss des Publikums statt. Während jeder Ruf und jeder Schuss von den Spielern der Vereine Alemannia Aachen und 1.FC Nürnberg um das leere Stadion hallen, stellt der erfahrene Reporter sich und die wenigen Anwesenden die Frage, ob Fußball ohne Fans überhaupt noch Fußball ist.

Zweite Halbzeit
9) Wolf, Ror: Cordoba Juni 13.45 Uhr (HR 1979)

Was für die Deutschen als ‚Schmach von Cordoba‘ in die Fußball-Geschichte eingegangen ist, erinnert Österreich als ‚Fußball-Wunder‘ – die Parallelmontage zweier Live-Berichte zum letzten Spiel der WM-Zwischenrunde 1978 zwischen dem Favorit Deutschland (2 Tore) und Außenseiter Österreich (3 Tore) verweist auf die unhintergehbare Diskrepanz, die zwischen der realen Referenz und einer zeichenhaften Rede über sie besteht.

10) Jelinek, Elfride: Sportchor (BR 2006)

Als Anregung auf das legendäre Sommermärchen 2006 lässt Jelinek diverse Stimmen in und um Fußball zu Wort kommen. Nach der Art eines antiken Sprechchors geben Spielern, Fans und Pressemedien (unter anderen) ihre intimsten Gedanken preis.

11) Wolf, Ror: Roth, Jürgen: Das langsame Erschlaffen der Kräfte. Ein Fußball-Hörstück in 6 Kapiteln (BR 2006)

Mit seinem letzten Hörspiel zu ‚König Fußball‘ knüpft Ror Wolf an die Verfahren aus den 1970er-Jahren an, kombiniert O-Töne, Auszüge aus der medialen Berichterstattung und – u. a. von Christian Brückner –eingesprochene Textpassagen, die auf das lyrische Potential der Rede über Fußball verweisen. Doch auch diese Rede muss im Sinne einer ‚Kunst des Aufhörens‘ irgendwann enden.

Phonopoetische Erkundungen: Workshop und Performance-Abend am 7. Mai 2026

„Neue Formen, die als Sprachspiele, Schallspiele, Hörtexte, Hörkollagen, Hörobjekte oder Hörbeispiele bezeichnet werden, nehmen in wachsendem Maße neben den Handlungs- und Unterhaltungshörspielen traditioneller Art einen selbstverständlichen Platz im Programm der Rundfunkanstalten ein. Wahrscheinlich wird man eines Tages feststellen, daß […] die Hörspielabteilungen auf dem Gebiet der heute als experimentell bezeichneten Literatur eine entscheidende, wenn nicht die führende Rolle übernommen hatten. Die Revolution innerhalb des Hörspiels wird von einer Avantgarde, vor allem junger Autoren und Regisseure, vorangetrieben.“

Dies formulierte Hans Schmitthenner, Hörspielleiter des Bayerischen Rundfunks, im Jahr 1969. Das ist lange her. Zu dieser Zeit war die Remodellierung der subjekt- und gesellschaftskonstituierenden Realität von Sprache, von sprachlichem Handeln, Hörverhalten und Klangereignissen ein Ziel akustischer (und anderer) Literaturformen.

Was ist der Stand der Diskussion heute?

  • Wo (in welchen Formaten) gibt es derzeit ästhetische Innovationen – nicht nur im Hörspiel, sondern überhaupt in akustischen Künsten resp. Formen von akustischer Literatur?
  • Wie setzen sich diese in Beziehungen zu gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen?
  • Wie schließen diese Entwicklungen an Neo-Avantgarden, z.B. Neues Hörspiel und Sound Poetry, an – oder eben nicht?
  • Welche Rolle spielt dabei (noch) der Rundfunk – und will er spielen?

Im Gespräch mit Fachleuten aus Rundfunk, Wissenschaft und Kunst werden diese Fragen diskutiert und vertieft. Mit dabei sind u.a. Martina Müller-Wallraf (WDR), Ingo Kottkamp (DLR Kultur), Andreja Andris (Hörspielfestival Berlin), Andreas Bülhoff (Burg Hülshoff/Center for Literature), Tabea Nixdorff und Monique Ulrich.

Abends werden in der Studiobühne drei sprachkünstlerische Duos in dialogischen Formaten auftreten. Sprache wird hier mit künstlerischen Mitteln als Ereignis untersucht.

Club Real treten in ihrer Performance Organismendemokratie in einen Dialog und verhandeln Rechte für alle Lebewesen. Als Insekten verkleidet wird leidenschaftlich diskutiert, ein Dialog als Streitgespräch. Club Real wurde 2000 in Berlin gegründet und realisiert unterschiedliche Kunst- und Performanceprojekte, oftmals partizipativ und ortsspezifisch. Neben ihren Performances lädt Club Real das Publikum auch in Installationen, Eins-zu-Eins-Begegnungen, und politischen Rollenspielen dazu ein, alternative Realitätsentwürfe mitzugestalten.

Ulrich Nixdorff (Monique Ulrich und Tabea Nixdorff) performen Paratexte – Texte, die neben dem eigentlichen Textkörper stehen, etwa Widmungen oder Fußnoten – die sie in Archiven und Bibliotheken sammeln. Ihr Stück Sounding Out (Reading Paratexts) erkundet dieses ‚neben‘ als Ort und hört sie als Zeugnisse der vielen Arbeitsschritte und kollektiven Anstrengungen bei der Entstehung eines Buches ab. Als Künstlerinnen-Duo arbeiten die beiden seit 2018 zusammen und haben seither performative Lesungen gegeben und während Aufenthaltsstipendien gemeinsam recherchiert.

Das Duo Andreas Bülhoff und Marc Matter verwandeln Wortmusik in ein DJ-Set, indem Schleifen (Loops) aus mehrdeutigen Wörtern übereinandergeschichtet und mit Soundeffekten verfremdet werden. In ihrer Sound-Performance Again As wird auf vier Plattenspielern eine Art Sprechmusik auf der Basis von zusammengemischten Schallplatten improvisiert. Von diesem Projekt existiert auch eine Radiofassung, die vom SWR Rundfunk in Auftrag gegeben wurde. Die beiden betreiben auch das Verlagsprojekt Spoken Matter, welches sprachbasierte Audioarbeiten auf Tonträgern und im Internet zugänglich macht.

„Language Sound Matters: Poetry in Performances“ ist eine experimentelle und spielerische Veranstaltung. Die Performances eröffnen Zugänge zu Texten jenseits des Lesens: Literatur ist hier Sound und Performance von Menschen und nicht-menschlichen Wesen – Stimme, Klang, Wiederholung und Rhythmus.

Eine Zusammenarbeit zwischen der Arbeitsstelle Phonopoetik/Prof. Herrmann und Burg Hülshoff – Center for Literature.

Ton an! Hörklub Phonopoetik

Am 01.12. traf sich der neu gegründete Hörklub Phonopoetik das erste Mal, um gemeinsam kurze Hörspielausschnitte zu hören und zu besprechen. Unter dem Motto Ton an! kam die hochschulinterne Runde zusammen, hörte in insgesamt 19 Hörstücke hinein, diskutierte Kontexte und Gestaltung – und stimmte über die Publikumslieblinge ab. Hörspiele, Hörtexte, experimentelle Arbeiten und Sound-Collagen, bis hin zu Sound Poetry und Aufnahmen von Performances umfasste das Spektrum, das älteste Beispiel, Hallo! Hier Welle Erdball! ging vor fast einhundert Jahren über den Sender, das neueste, Kontinuum, stammt aus dem letzten Jahr und überträgt Hörspiel und Radiokunst auf die Echtzeit-Logik des Internets.
Die knapp 15 Teilnehmenden waren durchweg positiv gestimmt, auch wenn das ein oder andere Hörstück für weit voneinander abweichende Wertungen sorgte. Das Fazit: So einen Hörabend soll es auf jeden Fall noch einmal geben! 

Unsere Publikumsfavoriten 

Platz 1
Stefan Weigl “Stripped. Ein Leben in Kontoauszügen” (WDR 2004) Originalhörspiel
Ungewöhnliche Form der Tagebuchliteratur, beziehungsweise der Autobiografie, erzählt anhand von vorgelesenen Kontoauszügen – erstaunlich, wieviel wir so über einen Menschen erfahren.
Fatma Aydemir “Dschinns” (NDR 2024)
Basierend auf einer Theaterfassung von Selen Kara. Eine empathische Annäherung an migrantische Schicksale in Deutschland, welche u.a. die Problematik der Schicksale sogenannter ‚Gastarbeiter‘ hörliterarisch herausarbeitet.

Platz 2
Paul Wühr “All diese Freiheit” (SFB 1972, erste Sendung 1992)
O-Ton Hörspiel über sexuelle Erfahrungen von Frauen – wurde damals nicht gesendet, weil die Aussagen der beteiligten Frauen als „zu gewagt“ erschienen. (ARD Mediathek)

Platz 3 
Wolf Haas “Das Wetter vor 15 Jahren” (HR/DLR Kultur 2018)
Hörspielbearbeitung von Oliver Sturm
Unterhaltsame Liebesgeschichten auf mehreren Ebenen, bei denen es wundern mag, warum das Hörspiel nicht vor dem Buch kam, weil es so gut zu der Dialogform passt. Ganz nebenbei und unaufgeregt, ist hier auch eine erzähltechnische Innovation zu entdecken.

Die Hörliste

1) Friedrich Bischoff „Hallo! Hier Welle Erdball!“(1928)

Ein Klassiker und eines der ältesten erhaltenen Hörspiele überhaupt, klingt ästhetisch erstaunlich modern!

2) Herrmann Bohlen „Schalltot oder lebendig“ (NDR/SWR 2015) Originalhörspiel

Ein Hörspiel über die Produktion von Hörspielen, mit dem Herrmann Bohlen üblichen Schalk im Nacken.

3) Ingeborg Bachmann “Der gute Gott von Manhattan” (NDR/BR 1958)

Ein weiterer Klassiker der Hörspielgeschichte, in dem große Themen der Menschen (Liebe, Zueinanderfinden) in kurzen, zusammenhängenden Episoden, verhandelt werden.

4) Friederike Mayröcker „Arie auf tönernen Füßen“  (WDR 1970/ORF 1982)

Innerer Monolog, oder Dialog mit stummem Gegenüber? Konzentriert und eindringlich.

5) Paul Wühr “All diese Freiheit” (SFB 1972, erste Sendung 1992)

O-Ton Hörspiel über sexuelle Erfahrungen von Frauen – wurde damals nicht gesendet, weil die Aussagen der beteiligten Frauen als „zu gewagt“ erschienen. (ARD Mediathek)

6) Ilse Aichinger „Auckland“ (NDR/SDR 1970)

Und noch mehr Klassiker: Erinnerungen in einer Sprache aus Hilfswörtern, ausgetauscht von einer Handvoll nicht näher bestimmten Personen im Irgendwo.

7) Gerhard Rühm „Wald. Ein deutsches Requiem“ (WDR 1983)

Einer der emsigsten Hörspielmacher des 20. Jahrhunderts geht dem damals schon akuten Phänomen des Waldsterben nach, mit Hang zu Experimenten und neuen Formen.

8) Ferdinand Kriwet „Radioball (Hörtext XI)“ (WDR 1975)

Mit souveräner Eigenwilligkeit wird hier eine der populärsten Sportarten überhaupt zerlegt, sortiert und wieder neu zusammengefügt: eine rasante Collage aus Medien-O-Ton.

9) Andreas Ammer & FM Einheit, nach Dante Alighieri „Radio Inferno“ (BR/HR 1993)

Ein weiterer fleißiger Hörspielmacher bearbeitet mit FM Einheit von der Band Einstürzende Neubauten Dantes Opus Magnum nach allen Regeln der Radiokunst.

10) Christoph Schlingensief „Rosebud“ (WDR 2002)

Eine mitreißende Tour de Force des viel zu früh verstorbenen Film-, Performance-, und Theaterkünstlers.

11) Stefan Weigl „Stripped. Ein Leben in Kontoauszügen“ (WDR 2004)

Ungewöhnliche Form der Tagebuchliteratur, beziehungsweise der Autobiografie, erzählt anhand von vorgelesenen Kontoauszügen – erstaunlich, wieviel wir so über einen Menschen erfahren.

12) Antje Vowinckel „Rochenununterbrochen. Eine automatische Stunde“ (WDR 2008)

Das Prinzip des ‚automatischen Schreibens‘ aus dem Surrealismus entlehnt und auf das Sprechen übertragen, bildet hier den Ausgangspunkt für ein dichtes Netz aus freier Rede.

13) Sibylle Berg „Und sicher ist mit mir die Welt verschwunden“ (MDR 2021)

Eine Hörspielbearbeitung des gleichnamigen Theaterstücks, in dem das Sprechen und die technologische Bearbeitung zwar minimal, aber umso wirkungsvoller eingesetzt werden.

14) Fatma Aydemir „Dschinns“ (NDR 2024)

Basiert ebenfalls auf einer Theaterfassung (Selen Kara): Eine empathische Annäherung an migrantische Schicksale in Deutschland, welche u.a. die Problematik der Schicksale sogenannter ‚Gastarbeiter‘ hörliterarisch herausarbeitet.

15) Wolf Haas „Das Wetter vor 15 Jahren“ (HR/DLR Kultur 2018)

Unterhaltsame Liebesgeschichten auf mehreren Ebenen, bei denen es wundern mag, warum das Hörspiel nicht vor dem Buch kam, weil es so gut zu der Dialogform passt. Ganz nebenbei und unaufgeregt, ist hier auch eine erzähltechnische Innovation zu entdecken.

16) Lütfiye Güzel „Essen“ (CD 2019). auf „Sahnestücke“ CD von Kaffee und Kuchen

Eine poetische Miniatur auf dem Anrufbeantworter von einer der begnadetsten – und viel zu wenig beachteten – Erzähler:innen deutschsprachiger Literatur.

17) Francoise Cactus „Autobigophonie“(BR 2004)

Liste der ‚Sponsoren‘ – von Drehtabak über Haarwachs bis zur Illustrierten – als Abspann dieser eigenwilligen Autobiografie der ebenfalls viel zu früh verstorbenen Musikerin und Künstlerin.

18) Anne-James Chaton „Jeudi 22.01.2009: Evenement No. 20“ (Raster-Noton 2011)

Poesie Sonore auf CD und als Performance, Sprach-Techno aus Zeitungsüberschriften und Alltagstexten.

19) Hanne Lippard „Work“ (Collapsing market 2020)

Spoken Word Experimente auf Sprechschallplatte (LP/CD/DL)

Zum Ausklang – und außer Konkurrenz – wurde der Stream des Radiokunst-Projekts „Kontinuum: Der springende Punkt“ von Rosa Barba und Jan St. Werner abgespielt, ein auf die Internetlogik übertragenes abstraktes Hörspiel, so nah am Puls des Jetzt wie nur (technisch) möglich. Es existiert eine zusätzliche Hörspielfassung von Deutschlandfunk Kultur / ORF (2024).

everyday sounds – So klingt Münster

Wie klingt Münster? Im Rahmen des Seminars „Poesie und Alltag“ konnten Studierende dieser Frage in Zusammenarbeit mit der Klang- und Medienkünstlerin Anja Kreysing nachgehen. Die Ergebnisse wurden in der partizipativen Klanginstallation „everyday sounds“ im Haus der Niederlande im Krameramtshaus vom 19. April bis 12. Mai präsentiert. Die einzelnen Soundscapekompositionen der Klanginstallation können Sie sich unten anhören.

Tagungsbericht: Hör! Spiel! Kunst! – Internationale Tagung zur radiophonen Literatur

Universität Münster, 04.-07.09.2023

Die internationalen Wechselwirkungen und intermedialen Ästhetiken akustischer Literatur in Rundfunk und Medien zu untersuchen war das Ziel der internationalen Tagung. Denn die literarische Praxis hat sich seit Erfindung der Speicher- und Sendemedien audiomedial erweitert und fortentwickelt, doch sind die poetologischen Rückwirkungen auf die printmediale Literaturszene und ihre Poetiken wenig erforscht, obwohl bereits Ende der 1970er dafür plädiert wurde, radiophone Literatur als Gegenstandsbereich der Literaturwissenschaft systematisch einzubeziehen. Zwar werden radiophone Texte seit einigen Jahren zunehmend in Hörverlagen oder im Netz publiziert. Doch das unüberschaubare – und zum Teil völlig unentdeckte – Gros der akustischen Werke liegt weiterhin unpubliziert in den Rundfunkarchiven. Auch wissenschaftliche Standards für derartige Editionen sind noch herauszubilden, ebenso wie Fragen nach der Darstellung transnational vernetzter Dispositive des experimentellen Radios zu lösen sind. Die Tagung setzte daher folgende Schwerpunkte:

1) Transnationale Austauschbeziehungen und politische Felder akustischer Ästhetik

2) Entwicklung neuer (intermedialer) Ästhetiken und künstlerischer Praktiken

3) Edition und Archiv

Die einzelnen Beiträge kreisten um zentrale produktions- und wirkungsästhetische Begriffe wie „Raum“ (im Sinne des konkreten Produktionsraumes und dem fiktiven, imaginierten Raum der Darstellung), „Klang“ (insb. Unter dem Aspekt einer semiotisch verstandenen Suche nach spezifischen Sprach- und Soundbedeutung) „Technik“ bzw. „Medium“ (als konkret gegebene Materialität und öffentlicher Institution der Vernetzung) sowie „Archiv“ bzw. „Text“.

Im ersten Panel erläuterte TOBIAS GERBER (Basel) zunächst, wie die technische Erfindung des Dramatic Control Panels in den 1930er Jahren die Ästhetik radiophoner Arbeiten im BBC grundlegend veränderte. Denn damit ginge nicht nur die neue produktionsästhetische Vorstellung des „mental pictures“ einher, sondern die erstmals mögliche Technik des Überblendens revolutionierte die akustische Raumästhetik hin zu ersten stereophonen Experimenten. Zeitgenössische digitale Technologien setzten in der Überlagerung mehrerer Spuren und der daraus resultierenden Polyphonie dagegen auf den Schnitt, um Räume und musikalische Strukturen zu erzeugen, wie MARC MATTER (Hamburg) theoretisch entfaltete und anhand seines eigenen Sprechstücks Proporz schockt Dialog – Schlagzeilenmutationen (2021) den Teilnehmern akustisch vor Ohren führte. Die Vorstellung des akustischen Raums, so SABINE SANIO (Berlin), sei dabei Grundlage des Versuchs, die Wirklichkeit künstlerisch zu erfassen. Die Entstehung des Konzertsaals in seiner heutigen Form ermögliche erst durch die Trennung von Musiker und Publikum die Verortung des (akustischen) Werks im Raum. SANIO sieht in den Anfängen des Rundfunks die Übertragung dieser räumlichen Vorstellung in die Audiomedien, die den Saal nun auflösen und in völlig neue Settings umformen könnten. In seiner theoretisch weltumspannenden Übertragungsmöglichkeit mache das Radio die Welt so zu einem einzigen, gemeinsamen Konzertsaal.

Ein Versuch, die Wirklichkeit bzw. einen konkreten Ort künstlerisch zu erfassen stelle ANTJE VOWINCKEL (Berlin) mit ihrem Hörspiel Goethe to go. Eine Sprechlandschaft (2018) vor. 10 Performer*innen wandern darin den Goethewanderweg in Ilmenau ab und erzählen, was sie sehen. Die zugrundeliegende Form des automatic speaking soll – in Anlehnung an Echtzeitmusik – einen „Kurzschluss zwischen Wahrnehmung und Sprechen“ erzeugen, der musikalische Qualitäten entwickeln könne. REGINE ELBERS (Weimar) versucht dagegen in ihrer künstlerischen Forschung den Stadtraum mit virtueller Realität, genauer einem 360 Reality Audioraum, erfahrbar zu machen. In ihrem crossmedial erzähltem Audiodrama Blocked Under Ground, das zum 100-jährigen Jubiläum des Hörspiels im Januar 2024 veröffentlicht werden soll, könne zwischen drei Erzählebenen gewechselt werden, die jeweils eine spezifische Perspektive auf eine eingeschlossene Menschengruppe im überfluteten U-Bahn-System werfe: erstens dem Audiowalk, der an der Oberfläche die Rettungskräfte begleitet, zweitens dem Audiogame, in dem der Spielende auf einem Floß selbst zur Rettung im Tunnelsystem aufbricht und drittens dem Hörspiel, das die Eingeschlossenen zu Gehör bringt. Anknüpfend an den ersten Beitrag wurden auch hier Fragen zur „inneren Bühne“ virulent. An die Ursprünge der klanglichen Erforschung unserer städtischen und natürlichen Umgebung erinnerte SABINE BREITSAMETER (Darmstadt) mit dem Fokus auf den Komponisten/Klangforscher und Begründer der Akustischen Ökologie Murray Schafer. BREITSAMETER machte in ihrem Vortrag, der zudem Ausschnitte ihres Features Radical Radio. Von den Wurzeln des Mediums (1999) über Schafer präsentierte, deutlich, dass in Schafers Ansatz des „Radical Radios“ der Radioraum als Klangraum vor dem Medium existierte.

Im zweiten Panel spürte INGE ARTEEL (Brüssel) zunächst den künstlerischen und institutionellen Interaktionen des belgisch-flämischen Rundfunks und des WDRs in den 1970er Jahren nach. Der Blick auf die bisher kaum beachteten Vernetzungen trug dabei überraschende Akteure zu Tage, deren literatur- und kulturbetriebliche Bedeutung für die Entwicklung der Neo-Avantgarden, wie beispielsweise der Konkreten Poesie, nicht zu unterschätzen seien. Ähnlich wirksame personelle und künstlerische Wechselwirkungen ließen sich auch in PAVEL NOVOTNYS (Liberec) Überlegungen zum „Semester des experimentellen Schaffens“, das 1969 im Studio Liberec stattfand, festhalten. Neben radikalen Sprachkünstler*innen wie Ladislav Novák, Bohumila Grögerová, Josef Hiršal oder Václav Havel, dem späteren Präsidenten Tschechiens, war auch der deutsche Gerhard Rühm zu Gast. Das professionelle Studio, das sich dem politischen Druck der sogenannten ‚Normalisierung‘ ein wenig länger standhalten konnte, habe mit dieser Zusammenkunft zentrale Texte der tschechischen auditiven Poesie der 1960er Jahre hervorgebracht. Ähnlich subversiven Charakter sah FLORENCE BAILLET (Paris) in den Schallplattentexten von Thomas Brasch. Nicht nur das auffällig medienreflexive Schreiben, sondern vor allem die Orientierung an einer transnationalen Hörkultur, deren Bezugspunkte die Rock- und Jazzmusik – insbesondere amerikanischer Provenienz –, die Brasch musikalisch-literarische Ästhetik zu Grunde liege, könne als indirekte Regimekritik verstanden werden. Zum Abschluss des Panels lenkte BRITTA HERRMANN (Münster) den Blick auf die französisch-deutschen Rundfunkbeziehungen. So zeigte sie auf, wie die poetologischen Überlegungen des Club d’Essai zu einer neuen Sprach- und Klangästhetik in Westdeutschland rezipiert wurden und machte deutlich, dass das deutsche Hörspiel der Nachkriegszeit und die Entwicklung der Audiotechnik bis in die 1970er Jahre hinein eine führende Rolle in der Entstehung der experimentellen Poesie einnahm.

Im dritten Panel diskutierte WOLFGANG STRAUB (Wien) am Beispiel von Franz Hiesels Nachlass, insbesondere seinen Hörspielen, Fragen der archivarischen Zugänglichkeit und editorischen Aufbereitung audiophoner Textzeugnisse. Neben den Herausforderungen der Digitalisierung älterer Medienformate wie Tonbänder, seien gerade im Hinblick auf literaturgeschichtliche Fragen viele Audio- und Schriftdokumente noch längst nicht erschöpfend ausgewertet, so die Konsequenz des Vortrags. ISABEL LANGKABEL (Klagenfurt) lenkte den Blick dagegen auf editorische Überlegungen zur Erfassung auraler Schreibweisen, die nicht nur Überlieferungsträger am Schreibtisch erfassen sollte, sondern in der Orientierung am Prozess der Schreibszene auch Klangumgebungen und -situationen zu berücksichtigen habe.

In der Nachverfolggung der gut vernetzten Rundfunkakteure, Autoren und Institutionen und den jeweiligen klangästhetischen Programmatiken, sowie der Problematik der editorischen Erschließung audiophoner Texte leistete die Tagung Pionierarbeit, an der weiterführende Forschung ansetzen soll. Die Tagung zeigte darüber hinaus, wie wichtig ein interdisziplinärer Zugang für die Analyse radiophoner Kunst ist, um die vielschichtigen Netzwerke und Ästhetiken und nicht zuletzt deren Rückwirkung auf den schriftliterarischen und visuellen Kulturbetrieb ermitteln zu können.

Zum Tagungsprogramm

Gastvortrag zum Weimarer Rundfunk an der Universität Innsbruck

Am Donnerstag, 27. April 2023, hält Prof. Dr. Herrmann einen Gastvortrag an der Universtität in Innsbruck.

Der Vortrag trägt den Titel „‚… denn am Radio hängt, nach Radio drängt heute alles’: Weimarer Rundfunk zwischen Popularisierung und Massen-Experiment” und findet im Rahmen des Seminars „Literatur und Hörfunk“ von assoz. Prof. Dr. Michael Pilz statt.

Weitere Informationen finden Sie hier.

Alle Interessierten sind herzlich eingeladen.

„Närrin auf schwarzem Grund“. Kerstin Hensel spricht über Literatur.

Flyer zur Poetikdozentur

Kerstin Hensel © Susanne Schleyer

Im Rahmen der 4. Poetikdozentur, die vom Germanistischen Institut der WWU in Zusammenarbeit mit der Studiobühne verliehen wird, hat Kerstin Hensel im Wintersemester 2021/22 in drei Poetikvorlesungen Einblicke in ihr Schreiben und Verständnis von Literatur gegeben. Ausführliche Pressetexte zu dieser 4. Poetikdozentur finden sie auf der Seite des Germanistischen Instituts und des Fachbereichs 09 der WWU.

Die in Berlin lebende Autorin und Lyrikerin studierte am Literaturinstitut Johannes R. Becher Leipzig und arbeitete danach im Theater. Seit 2001 ist sie Professorin für Deutsche Verssprache an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch.

In der ersten Vorlesung „Närrin auf schwarzem Grund“ legt sie den Fokus auf das Verhältnis von Tragischem und Schrecklichem in Gestalt des Komischen. Aber, wie Hensel betont, so absurd die literarischen Schilderungen auch sein mögen, an die Wirklichkeit kommen sie nicht heran. Die Vorlesung kann nun in der Reihe „Hörsaal“ des Deutschlandfunk Nova nachgehört werden.

Kerstin Hensel ist zudem ein weiteres Mal im Rahmen der Poetikdozentur zu erleben: Am 13.06.2022 findet der coronabedingt verschobene Künstlerabend statt. Weitere Informationen dazu hier.