Nach dem Auftakt folgte der Kick-off: Am 08.06. traf sich der Hörklub Phonopoetik ein zweites Mal, diesmal unter dem Motto Das Hörspiel und der Fußball: Ein Sommermärchen. Passend zur Fußball-WM konnten die knapp 20 hochschulinternen Teilnehmenden in kurze Hörspielausschnitte hineinhören und unter der Moderation von Georgina Wheeler und Linnea Gehlert von der Forschungsstelle Phonopoetik sowie Dr. Jill Thielsen über Kontexte und Gestaltung der Hörstücke diskutieren. Nach einem kurzen Treffen vor dem Stadion folgte in der ersten Halbzeit ein multinationales Qualifikationsspiel. Die Halbzeitpause stand ganz unter dem Motto des Fußballkommentars und konnte die in der ersten Halbzeit bereits angedeutete Tendenz zur O-Ton-Collage im Fußballhörspiel weiter bestärken. In der zweiten Halbzeit wurde es selbstreflexiv, bis schließlich das letzte Hörbeispiel selbst zum Aufhören aufrief.
Unsere Publikumsfavoriten
Platz 1
Ferdinand Kriwet: Ball (Hörtext 10, WDR/NDR 1975)
Platz 2
Günther Koch: Geisterspiel (BR 2004)
Ferdinand Kriwet: Radioball (Hörtext 11, WDR 1975)
Platz 3
Elfride Jelinek: Sportchor (BR 2006)
Die Hörliste
Erste Halbzeit
1) Pratolini, Vasco; Giagni, Gian Domenico: Der Sonntag der braven Leute (BR 1957)
Im italienischen Original 1953 mit dem Hörspielpreis des italienischen Rundfunks ausgezeichnet, zeigt auch die deutschsprachige Umsetzung unter der Regie von Heinz von Cramer eindrucksvoll die Begeisterung einer ganzen Stadt für den Fußball. Was narrativ durch einen Erzähler geleitet beginnt, entwickelt sich schnell zu einem Klangmosaik eines Fußballsonntages in Italien.
2) Harig, Ludwig: Das Fußballspiel (SR/SWF 1966)
Als mutmaßlich erstes Hörstück, das als Stereoproduktion konzipiert wurde, zeichnet Das Fußballspiel nicht nur das Spiel mit Raum und Klang, sondern auch mit den Erzählebenen aus. Es geht um Fußball – natürlich – aber es geht auch um eine scheiternde Ehe und gesellschaftlichen Erwartungsdruck.
3) Messerli, Robert: König F (SRF 1970)
Die sechsteilige schweizerdeutsche Produktion folgt dem Protagonisten und erfolgreichen jungen Fußballprofi Toni Tschümperli. Anders als in den bisherigen Beispielen steht dabei oft eben nicht das Spiel selbst im Fokus, sondern alles, was darum passiert.
4) Kriwet, Ferdinand: Modell Fortuna (Hörtext 8, WDR 1972)
Bei dieser O-Ton-Collage komponiert Kriwet Stadiongesänge und -klänge der Fortuna-Düsseldorf-Fans so, dass die Fragmentierung eine rhythmisierte, aber entfremdete Klangkulisse erzeugt. Neben aufmunternden Zurufen entstehen auch bedrohlich anmutende Sequenzen, die das Spiel zur Schlacht umcodieren.
5) Kriwet, Ferdinand: Ball (Hörtext 10, WDR/NDR 1975)
Kameradschaft und Treue, Fairness und Moral – das sind nur einige der zentralen Werte, die Kriwets Hörtext aus den O-Tönen zahlreicher Fußball-Fans unterschiedlicher Vereine herausfiltert. Zugleich zeigen die eingefangenen Stimmen, dass erstens die Referenz der Anhängerschaft, also der Verein, austauschbar wird und dass zweitens einige der zentralen Werte in der Praxis zu unauflösbaren Widersprüchen werden.
Halbzeitpause
6) Kriwet, Ferdinand: Radioball (Hörtext 11, WDR 1975)
Die Berichterstattung in Funk und Fernsehen gehört zum Fußball wie der Stutzen zum Schienbein – die Collage von Medientönen aus den zahlreichen Sport-Formaten verweist dabei aber auch auf das begrenzte Repertoire und die stete Wiederholung nahezu identischer Ereignisse und Beschreibungen.
7) Wolf, Ror: Die heiße Luft der Spiele (SR/SWF/ SDR 1972)
Das Hörspiel kombiniert unterschiedliche Perspektiven und Redemodi über den Fußball – Originalaufnahmen aus dem Stadion und O-Töne von Fans wechseln sich ab mit eingesprochenen Erinnerungen und literarisierten Textpassagen, bei denen die referentielle Funktion des Fußballberichts durch eine lyrisch-poetisierende Rede ersetzt wird. ‚Fußball‘ ist in dieser Logik vor allem Redegegenstand und immer ein sprachlich vermitteltes Ereignis.
8) Koch, Günther: Geisterspiel (BR 2004)
Das Dokumentarhörspiel stellt ein besonderes Ereignis dar: Zum ersten Mal in der deutschen Fußballgeschichte findet ein Bundesligaspiel unter Ausschluss des Publikums statt. Während jeder Ruf und jeder Schuss von den Spielern der Vereine Alemannia Aachen und 1.FC Nürnberg um das leere Stadion hallen, stellt der erfahrene Reporter sich und die wenigen Anwesenden die Frage, ob Fußball ohne Fans überhaupt noch Fußball ist.
Zweite Halbzeit
9) Wolf, Ror: Cordoba Juni 13.45 Uhr (HR 1979)
Was für die Deutschen als ‚Schmach von Cordoba‘ in die Fußball-Geschichte eingegangen ist, erinnert Österreich als ‚Fußball-Wunder‘ – die Parallelmontage zweier Live-Berichte zum letzten Spiel der WM-Zwischenrunde 1978 zwischen dem Favorit Deutschland (2 Tore) und Außenseiter Österreich (3 Tore) verweist auf die unhintergehbare Diskrepanz, die zwischen der realen Referenz und einer zeichenhaften Rede über sie besteht.
10) Jelinek, Elfride: Sportchor (BR 2006)
Als Anregung auf das legendäre Sommermärchen 2006 lässt Jelinek diverse Stimmen in und um Fußball zu Wort kommen. Nach der Art eines antiken Sprechchors geben Spielern, Fans und Pressemedien (unter anderen) ihre intimsten Gedanken preis.
11) Wolf, Ror: Roth, Jürgen: Das langsame Erschlaffen der Kräfte. Ein Fußball-Hörstück in 6 Kapiteln (BR 2006)
Mit seinem letzten Hörspiel zu ‚König Fußball‘ knüpft Ror Wolf an die Verfahren aus den 1970er-Jahren an, kombiniert O-Töne, Auszüge aus der medialen Berichterstattung und – u. a. von Christian Brückner –eingesprochene Textpassagen, die auf das lyrische Potential der Rede über Fußball verweisen. Doch auch diese Rede muss im Sinne einer ‚Kunst des Aufhörens‘ irgendwann enden.





