Am 7. Mai 2026 fand die Veranstaltung „phonopoetische Erkundungen“ statt, federführend organisiert von der Forschungsstelle Phonopoetik der Universität Münster. Sie bestand aus dem Workshop „Aktualität akustischer Literaturformen – gesellschaftliche und ästhetische Aspekte“ und dem Performance-Abend „Language Sound Matters: Poetry in Performances“ (letzteres in Kooperation mit dem Center for Literature, Burg Hülshoff). Die beiden Veranstaltungen verknüpften theoretisch-wissenschaftliche Reflexionen mit Language-Soundart in der Praxis. Beide Veranstaltungen setzten sich mit der Frage auseinander, wo und in welchen Formaten es derzeit ästhetische Innovationen im Soundart-Bereich gibt.
Einen ersten Aufschlag für die gemeinsame Reflexion ermöglichten die kurzen Input-Vorträge der Workshop-Gäste am Nachmittag. Mit Ingo Kottkamp (DLR Kultur) startete die Suche nach ästhetischen Innovationen im Radio. Im Anschluss wurden von Andreja Andris (Hörspielfestival Berlin) Veranstaltungen der freien Kunstszene in den Fokus genommen. Nach der Kaffeepause gaben Künstler*innen des Performance-Abends Einblicke in ihre Arbeiten und Forschungen im Soundart-Bereich. Andreas Bühlhoff und Marc Matter, zugleich Inhaber des Labels Spoken Matter, präsentierten Innovationen der ‚Internet-Avantgarde‘. Das Duo Ulrich Nixdorff (Monique Ulrich, Tabea Nixdorff) erläuterten das ‚Making-Off‘ ihrer Arbeit mit Paratexten. Dies machte bereits neugierig auf das Abendprogramm, in dem diese Arbeit auch präsentiert werden sollte, und schlug sowohl die Brücke zwischen Workshop und Performance-Teil als auch zwischen wissenschaftlicher Reflexion und künstlerischer Tätigkeit. Neben Ulrich Nixdorff traten Club Real und Marc Matter und Andreas Bühlhoff am Abend auf. Letztere beendeten den Tag mit einer Spoken-Word-DJ-Performance.
Ingo Kottkamp (DLF Kultur) hob im Rahmen des Workshops die ästhetische Innovationskraft von Kurzformen im Feature hervor. Exemplarisch dafür stehen die ‘Doku Drops‘ des DLF. Nicht länger als fünf bis zehn Minuten, bilden die einzelnen Drops mit ihren je verschiedenen Herangehensweisen, Blickwinkeln und Themen, einerseits abgeschlossene Arbeiten, andererseits treten sie in der Aufeinanderfolge in einen Zusammenhang mit den anderen Arbeiten der Sendereihe. Sie bilden dadurch kommunikative Netzwerke, aus den Kürzest-Formaten ergeben sich – ungeplant, assoziativ und collagehaft – größere Gesamtkontexte.
Kurzformen seien, so Ingo Kottkamp, besonders einladende Formate für Anfänger*innen und förderten damit neue Autor*innen und Werkschaffende und gleichzeitig eine „natürliche Tendenz zum Experimentieren“. Aber formal erzeugte Kontinuitäten heterogener Werke sind auch ein durch Plattformen wie Spotify beeinflusst und ein an Klickzahlen orientiertes, individualisiertes Nutzer*innenerlebnis, das mehr der Willkür verkaufsfördernder Algorithmen und weniger der kuratorischen, kohärenzstiftenden Leistung eines Redaktionsteams unterworfen ist. Nach der Ausstrahlung im Radio liegt auch in der Mediathek des öffentlich-rechtlichen Rundfunks die Kuration einzelner Stücke nicht mehr in redaktioneller Hand, sondern die Entscheidung, welche Stücke in welcher Reihenfolge angeklickt und (fertig) angehört werden, treffen die Endkonsumenten. Beeinflusst werden sie durch Verlinkungen oder durch einen Algorithmus. Und so stellte sich auch dabei für die ästhetische Gestaltung von radiophonen Kurzformen die Frage: Wie viel davon ist auch im Rundfunk (noch) autonome Ästhetik – und wie viel ist einer Marktlogik unterworfen, die Klicks priorisiert?
Das Berliner Hörspielfestival hat die Wettbewerbskategorien „60 Sekunden“ (Mikroflitzer), „1-5 Minuten“, „5-20 Minuten“ und „länger als 20 Minuten“. Andreja Andris stellte die Kategorie der Mikroflitzer heraus und demonstrierte eindrücklich die Innovationsstärke von Kurz- und Ultrakurzformaten in der freien Hörspielszene.
In dieser Wettbewerbskategorie gibt die Jury jedes Jahr einen Satz und ein Geräusch vor, die beide in den Stücken auftauchen müssen. 2025 etwa lautete der Satz „Was soll denn schon schiefgehen“, das geforderte Geräusch war „Frikative, die Friktionen fressen“. Die Einreichungen weisen stets eine große Bandbreite auf, doch sind die meisten Stücke aufgrund der Kürze mit einer Pointe konzipiert. Andris fasste die Charakteristik des Formats so zusammen: „Es ist gewitzt, aber es muss nicht witzig sein“.
Laut Andris ist das, was einst avantgardistische Ästhetik und Verfahren des Neuen Hörspiels waren, heute radiophone Selbstverständlichkeit. Das Innovative liege daher weniger in formalen Brüchen als vielmehr im spielerischen Verfügen über die bereits entwickelten Möglichkeiten. Technische Errungenschaften wie das Heimstudio haben zudem das Autor*innenenhörspiel – bei dem eine Person Regie, Produktion und künstlerische Gestaltung in einer Hand hält – von der Ausnahme zur gelebten Praxis der freien Szene gemacht.
Dieser Trend hin zur maximalen Demokratisierung des Mediums wirft aber zugleich die Frage auf, ob die Suche nach einer Avantgarde überhaupt noch dem Kunstschaffen des 21. Jahrhunderts entspricht.
„Was früher Kunst war, findet heute im Alltag statt“, das zumindest ist die provokante These, mit der Andreas Bülhoff und Marc Matter in den Nachmittag einsteigen. Die beiden Künstler und Labelbetreiber (Spoken Matter) interessieren sich für das Hören und phonopoetische Phänomene jenseits des Kunstkanons: für Text-to-Speech-Memes (TTS) auf Twitch, für das Hacken von Sprachsynthese-Streams durch Sonderzeichen, für eine primär störungsorientierte Nutzungslogik von Plattformen, die niemand als Kunstform geplant hat.
Das Phänomen der TTS-Memes ist vielmehr dezentral und international (also primär englischsprachig). Generiertes Wissen wird zusammengetragen, organisiert und online zur Verfügung gestellt. Es handelt sich dabei um eine Art kollektives Spiel: Ein gemeinsames Weiterentwickeln, Ausreizen und Austesten findet im stetigen Austausch auf der digitalen Bühne statt. Die Frage nach Innovation stellt sich hier allenfalls als Frage nach dem Status Quo digitaler Kommunikation und möglichen Störungen oder Abweichungen, aus denen, gewissermaßen als Nebenprodukt, neue Ästhetiken entstehen. Ob das Kunst ist (oder daraus welche werden kann), bleibt dabei offen – und ist vielleicht gar nicht die richtige Frage.
„Die Sprache erfindet sich Wirklichkeit, ihre eigene.“ – dieses Zitat aus ihrer Performance beschreibt die Arbeit von Ulrich Nixdorff. Im Modus des künstlerischen Forschens arbeiten die beiden Künstlerinnen in Bibliotheken und Archiven und beschäftigen sich mit Material, das im Entstehungsprozess eines Buches sukzessive wieder aussortiert wurde, aber dennoch Spuren hinterlassen hat. Daraus erstellen sie Paratextcollagen, mit denen sie weniger die Textgenese als die literarischen und persönlichen Netzwerke sicht- und hörbar machen, die bis dato verborgen hinter einzelnen Werken oder deren Autor*innen stehen.
Es gehe u.a. darum, „die Vorstellung von singulärer Autorschaft ins Wanken zu bringen“. Zudem erhält das vermeintliche ‚Neben‘ der Literaturproduktion neue Aufmerksamkeit. Indem sie Druckfahnen, Fehler und Korrekturen nicht nur als Abfallprodukte der Textproduktion verstehen, sondern diese als Erkenntnisquelle und Teil des kreativen Prozesses in den Blick nehmen, verfolgen sie eine eigene Form der Wissenspoesie, die sie performativ akustisch in Szene setzen.
Als eine wichtige Aufgabe ihrer Arbeit betrachten es beide deswegen auch, dass sie zur Sichtbarkeit marginalisierter Personengruppen, vor allem auch Frauen, durch die Aufdeckung und Veröffentlichung der Künster*innen-Netzwerke beitragen können. Über das Material der Bibliothek Andreas Züst wurden beide verstärkt auf Sophie Taeuber-Arp aufmerksam. Die Arbeit in dem Archiv bildet auch den Startpunkt eines größeren Kartierens des literarischen Netzwerks von Künstler*innen und Schriftsteller*innen im deutschsprachigen Raum des 20. Jahrhunderts.
Die Ergebnisse der Forschungsarbeit von Ulrich Nixdroff wurden in ihrer Performance Sounding Out, die die beiden auch im Rahmen des Abendprogramms unserer Veranstaltung präsentiert haben, für ein breites Publikum hörbar gemacht
Langsame, monotone Wiederholung einzelner, sinnlos aneinander gereihter englischer Wörter: So beginnt die Soundperformance Again As von Marc Matter und Andreas Bühlhoff. Schnell greifen die beiden allerdings ein und formen das sprachliche Material neu. Aus einsilbigen englischen Wörtern werden mit Hilfe gezielter technischer Manipulation Rhythmen und Melodien gezaubert. Unter Einsatz von vier Plattenspieler entstehen durch Loops, Überlagerungen und Verfremdungseffekte bis hin zum Scratchen auf den Schallplatten, Sounds, die Gänsehaut erzeugen und die Veranstaltungslocation wortwörtlich zum Beben bringen. Die Zuhörenden erlebten in der Münsteraner Studiobühne eine Performance zwischen Rave und Soundart.
Die Verdichtung der Sprache zu Rhythmen und Melodien bei gleichzeitiger Reduktion zurück zum einsilbigen Lexem machte den Experimentierraum zwischen Sprache und Musik hör- und erfahrbar.
Unser Fazit
Seit den 60er-Jahren hat das „Neue Hörspiel“ die Sprache zerlegt und das Radio zur Bühne für Experimente gemacht. Doch wo findet vergleichbare Innovation heute noch statt? Wir haben uns mit dem Workshop auf Spurensuche begeben.
Festgestellt haben wir dabei, dass es im Radio Innovation vor allem in Kurz- und Kürzestformaten gibt. Wenn man deren ästhetisches Potenzial betrachten möchte, sind aber die veränderten Konsumgewohnheiten bedingt durch Internet- und Social-media-Plattformen mitzudenken. Positiv hervorgehoben wurde im Rahmen des Workshops außerdem der Status der Selbstverständlichkeit, die sich mit Blick auf das vormals als ‚Avantgarde‘ geltende eingestellt hat. Wenn Selbstverständlichkeit innovativ ist, muss man sich allerdings fragen, ob die Suche nach einer Avantgarde innerhalb der akustischen Literatur im 21. Jahrhundert auch aus wissenschaftlicher Sicht überhaupt noch zeitgemäß ist. Phänomene, wie TTS-Memes, zeigen, dass sich die akustische Kunst verselbstständigt hat und auch außerhalb von einem institutionalisierten Rahmen existiert, unabhängig von finanzieller Förderung oder Prestige.
Performances stehen im Vergleich zu den ultra-unabhängigen Internetformaten in komplexen Interdependenzen zu u. a. institutioneller und finanzieller Förderung, zu Veranstaltungsorten und -reihen und auch der Anerkennung ihres künstlerischen Mehrwerts in der Wissenschaft. Die Verfremdung von Sprache und ihrer Funktion durch das Spoken-Word-DJing legt offen, dass Sprache als Medium sui generis ästhetische Qualitäten aufweist.
Ulrich Nixdorff verorten das innovative vermittels ihrer Performances in dem, was hinter dem Kunstwerk steckt. Nebenprodukte des Kunstschaffens werden in den Fokus gesetzt. Dieses ästhetische Vorgehen ist gesellschaftlich hochaktuell, da so eine Wissenspoesie entsteht, die einen besonderen Fokus auf Personen legt, deren Beteiligung am Arbeitsprozess im Endprodukt marginalisiert oder gar nicht abgebildet wird. Der Stimme kommt als epistemischem Tool eine Sonderrolle zu, Klang ist strukturgebend für ihre Arbeit als Künstler*innenduo. Innovation entsteht durch „die (Neu-)Konstellation verschiedener Medien, Recherchemethoden und Klang-Materialitäten sowie durch den forschenden Einsatz von Stimme.“ Hier findet eine Synthese zwischen Kunst und Wissenschaft statt, wobei die Wissenslogik literarische Textprodukte betreffend von der Basis aus neu gedacht wird.




