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Nachklang “phonopoetische Erkundungen“ 

Am 7. Mai 2026 fand die Veranstaltung „phonopoetische Erkundungen“ statt, federführend organisiert von der Forschungsstelle Phonopoetik der Universität Münster. Sie bestand aus dem Workshop „Aktualität akustischer Literaturformen – gesellschaftliche und ästhetische Aspekte“ und dem Performance-Abend „Language Sound Matters: Poetry in Performances“ (letzteres in Kooperation mit dem Center for Literature, Burg Hülshoff). Die beiden Veranstaltungen verknüpften theoretisch-wissenschaftliche Reflexionen mit Language-Soundart in der Praxis. Beide Veranstaltungen setzten sich mit der Frage auseinander, wo und in welchen Formaten es derzeit ästhetische Innovationen im Soundart-Bereich gibt. 

Einen ersten Aufschlag für die gemeinsame Reflexion ermöglichten die kurzen Input-Vorträge der Workshop-Gäste am Nachmittag. Mit Ingo Kottkamp (DLR Kultur) startete die Suche nach ästhetischen Innovationen im Radio. Im Anschluss wurden von Andreja Andris (Hörspielfestival Berlin) Veranstaltungen der freien Kunstszene in den Fokus genommen. Nach der Kaffeepause gaben Künstler*innen des Performance-Abends Einblicke in ihre Arbeiten und Forschungen im Soundart-Bereich. Andreas Bühlhoff und Marc Matter, zugleich Inhaber des Labels Spoken Matter, präsentierten Innovationen der ‚Internet-Avantgarde‘. Das Duo Ulrich Nixdorff (Monique Ulrich, Tabea Nixdorff) erläuterten das ‚Making-Off‘ ihrer Arbeit mit Paratexten. Dies machte bereits neugierig auf das Abendprogramm, in dem diese Arbeit auch präsentiert werden sollte, und schlug sowohl die Brücke zwischen Workshop und Performance-Teil als auch zwischen wissenschaftlicher Reflexion und künstlerischer Tätigkeit. Neben Ulrich Nixdorff traten Club Real und Marc Matter und Andreas Bühlhoff am Abend auf. Letztere beendeten den Tag mit einer Spoken-Word-DJ-Performance.  

Ingo Kottkamp (DLF Kultur) hob im Rahmen des Workshops die ästhetische Innovationskraft von Kurzformen im Feature hervor. Exemplarisch dafür stehen die ‘Doku Drops‘ des DLF. Nicht länger als fünf bis zehn Minuten, bilden die einzelnen Drops mit ihren je verschiedenen Herangehensweisen, Blickwinkeln und Themen, einerseits abgeschlossene Arbeiten, andererseits treten sie in der Aufeinanderfolge in einen Zusammenhang mit den anderen Arbeiten der Sendereihe. Sie bilden dadurch kommunikative Netzwerke, aus den Kürzest-Formaten ergeben sich – ungeplant, assoziativ und collagehaft – größere Gesamtkontexte. 

Kurzformen seien, so Ingo Kottkamp, besonders einladende Formate für Anfänger*innen und förderten damit neue Autor*innen und Werkschaffende und gleichzeitig eine „natürliche Tendenz zum Experimentieren“. Aber formal erzeugte Kontinuitäten heterogener Werke sind auch ein durch Plattformen wie Spotify beeinflusst und ein an Klickzahlen orientiertes, individualisiertes Nutzer*innenerlebnis, das mehr der Willkür verkaufsfördernder Algorithmen und weniger der kuratorischen, kohärenzstiftenden Leistung eines Redaktionsteams unterworfen ist. Nach der Ausstrahlung im Radio liegt auch in der Mediathek des öffentlich-rechtlichen Rundfunks die Kuration einzelner Stücke nicht mehr in redaktioneller Hand, sondern die Entscheidung, welche Stücke in welcher Reihenfolge angeklickt und (fertig) angehört werden, treffen die Endkonsumenten. Beeinflusst werden sie durch Verlinkungen oder durch einen Algorithmus.  Und so stellte sich auch dabei für die ästhetische Gestaltung von radiophonen Kurzformen die Frage: Wie viel davon ist auch im Rundfunk (noch) autonome Ästhetik – und wie viel ist einer Marktlogik unterworfen, die Klicks priorisiert? 

Das Berliner Hörspielfestival hat die Wettbewerbskategorien „60 Sekunden“ (Mikroflitzer), „1-5 Minuten“, „5-20 Minuten“ und „länger als 20 Minuten“. Andreja Andris stellte die Kategorie der Mikroflitzer heraus und demonstrierte eindrücklich die Innovationsstärke von Kurz- und Ultrakurzformaten in der freien Hörspielszene.

In dieser Wettbewerbskategorie gibt die Jury jedes Jahr einen Satz und ein Geräusch vor, die beide in den Stücken auftauchen müssen. 2025 etwa lautete der Satz „Was soll denn schon schiefgehen“, das geforderte Geräusch war „Frikative, die Friktionen fressen“. Die Einreichungen weisen stets eine große Bandbreite auf, doch sind die meisten Stücke aufgrund der Kürze mit einer Pointe konzipiert. Andris fasste die Charakteristik des Formats so zusammen: „Es ist gewitzt, aber es muss nicht witzig sein“. 

Laut Andris ist das, was einst avantgardistische Ästhetik und Verfahren des Neuen Hörspiels waren, heute radiophone Selbstverständlichkeit. Das Innovative liege daher weniger in formalen Brüchen als vielmehr im spielerischen Verfügen über die bereits entwickelten Möglichkeiten. Technische Errungenschaften wie das Heimstudio haben zudem das Autor*innenenhörspiel – bei dem eine Person Regie, Produktion und künstlerische Gestaltung in einer Hand hält – von der Ausnahme zur gelebten Praxis der freien Szene gemacht. 

Dieser Trend hin zur maximalen Demokratisierung des Mediums wirft aber zugleich die Frage auf, ob die Suche nach einer Avantgarde überhaupt noch dem Kunstschaffen des 21. Jahrhunderts entspricht. 

„Was früher Kunst war, findet heute im Alltag statt“, das zumindest ist die provokante These, mit der Andreas Bülhoff und Marc Matter in den Nachmittag einsteigen. Die beiden Künstler und Labelbetreiber (Spoken Matter) interessieren sich für das Hören und phonopoetische Phänomene jenseits des Kunstkanons: für Text-to-Speech-Memes (TTS) auf Twitch, für das Hacken von Sprachsynthese-Streams durch Sonderzeichen, für eine primär störungsorientierte Nutzungslogik von Plattformen, die niemand als Kunstform geplant hat. 

Das Phänomen der TTS-Memes ist vielmehr dezentral und international (also primär englischsprachig). Generiertes Wissen wird zusammengetragen, organisiert und online zur Verfügung gestellt. Es handelt sich dabei um eine Art kollektives Spiel: Ein gemeinsames Weiterentwickeln, Ausreizen und Austesten findet im stetigen Austausch auf der digitalen Bühne statt.  Die Frage nach Innovation stellt sich hier allenfalls als Frage nach dem Status Quo digitaler Kommunikation und möglichen Störungen oder Abweichungen, aus denen, gewissermaßen als Nebenprodukt, neue Ästhetiken entstehen. Ob das Kunst ist (oder daraus welche werden kann), bleibt dabei offen – und ist vielleicht gar nicht die richtige Frage.

„Die Sprache erfindet sich Wirklichkeit, ihre eigene.“ – dieses Zitat aus ihrer Performance beschreibt die Arbeit von Ulrich Nixdorff. Im Modus des künstlerischen Forschens arbeiten die beiden Künstlerinnen in Bibliotheken und Archiven und beschäftigen sich mit Material, das im Entstehungsprozess eines Buches sukzessive wieder aussortiert wurde, aber dennoch Spuren hinterlassen hat. Daraus erstellen sie Paratextcollagen, mit denen sie weniger die Textgenese als die literarischen und persönlichen Netzwerke sicht- und hörbar machen, die bis dato verborgen hinter einzelnen Werken oder deren Autor*innen stehen. 

Es gehe u.a. darum, „die Vorstellung von singulärer Autorschaft ins Wanken zu bringen“. Zudem erhält das vermeintliche ‚Neben‘ der Literaturproduktion neue Aufmerksamkeit. Indem sie Druckfahnen, Fehler und Korrekturen nicht nur als Abfallprodukte der Textproduktion verstehen, sondern diese als Erkenntnisquelle und Teil des kreativen Prozesses in den Blick nehmen, verfolgen sie eine eigene Form der Wissenspoesie, die sie performativ akustisch in Szene setzen.

Als eine wichtige Aufgabe ihrer Arbeit betrachten es beide deswegen auch, dass sie zur Sichtbarkeit marginalisierter Personengruppen, vor allem auch Frauen, durch die Aufdeckung und Veröffentlichung der Künster*innen-Netzwerke beitragen können. Über das Material der Bibliothek Andreas Züst wurden beide verstärkt auf Sophie Taeuber-Arp aufmerksam. Die Arbeit in dem Archiv bildet auch den Startpunkt eines größeren Kartierens des literarischen Netzwerks von Künstler*innen und Schriftsteller*innen im deutschsprachigen Raum des 20. Jahrhunderts.

Die Ergebnisse der Forschungsarbeit von Ulrich Nixdroff wurden in ihrer Performance Sounding Out, die die beiden auch im Rahmen des Abendprogramms unserer Veranstaltung präsentiert haben, für ein breites Publikum hörbar gemacht

Langsame, monotone Wiederholung einzelner, sinnlos aneinander gereihter englischer Wörter: So beginnt die Soundperformance Again As von Marc Matter und Andreas Bühlhoff. Schnell greifen die beiden allerdings ein und formen das sprachliche Material neu. Aus einsilbigen englischen Wörtern werden mit Hilfe gezielter technischer Manipulation Rhythmen und Melodien gezaubert. Unter Einsatz von vier Plattenspieler entstehen durch Loops, Überlagerungen und Verfremdungseffekte bis hin zum Scratchen auf den Schallplatten, Sounds, die Gänsehaut erzeugen und die Veranstaltungslocation wortwörtlich zum Beben bringen. Die Zuhörenden erlebten in der Münsteraner Studiobühne eine Performance zwischen Rave und Soundart.    

Die Verdichtung der Sprache zu Rhythmen und Melodien bei gleichzeitiger Reduktion zurück zum einsilbigen Lexem machte den Experimentierraum zwischen Sprache und Musik hör- und erfahrbar.

Unser Fazit

Seit den 60er-Jahren hat das „Neue Hörspiel“ die Sprache zerlegt und das Radio zur Bühne für Experimente gemacht. Doch wo findet vergleichbare Innovation heute noch statt? Wir haben uns mit dem Workshop auf Spurensuche begeben. 

Festgestellt haben wir dabei, dass es im Radio Innovation vor allem in Kurz- und Kürzestformaten gibt. Wenn man deren ästhetisches Potenzial betrachten möchte, sind aber die veränderten Konsumgewohnheiten bedingt durch Internet- und Social-media-Plattformen mitzudenken. Positiv hervorgehoben wurde im Rahmen des Workshops außerdem der Status der Selbstverständlichkeit, die sich mit Blick auf das vormals als ‚Avantgarde‘ geltende eingestellt hat. Wenn Selbstverständlichkeit innovativ ist, muss man sich allerdings fragen, ob die Suche nach einer Avantgarde innerhalb der akustischen Literatur im 21. Jahrhundert auch aus wissenschaftlicher Sicht überhaupt noch zeitgemäß ist. Phänomene, wie TTS-Memes, zeigen, dass sich die akustische Kunst verselbstständigt hat und auch außerhalb von einem institutionalisierten Rahmen existiert, unabhängig von finanzieller Förderung oder Prestige. 

Performances stehen im Vergleich zu den ultra-unabhängigen Internetformaten in komplexen Interdependenzen zu u. a. institutioneller und finanzieller Förderung, zu Veranstaltungsorten und -reihen und auch der Anerkennung ihres künstlerischen Mehrwerts in der Wissenschaft. Die Verfremdung von Sprache und ihrer Funktion durch das Spoken-Word-DJing legt offen, dass Sprache als Medium sui generis ästhetische Qualitäten aufweist.         

Ulrich Nixdorff verorten das innovative vermittels ihrer Performances in dem, was hinter dem Kunstwerk steckt. Nebenprodukte des Kunstschaffens werden in den Fokus gesetzt. Dieses ästhetische Vorgehen ist gesellschaftlich hochaktuell, da so eine Wissenspoesie entsteht, die einen besonderen Fokus auf Personen legt, deren Beteiligung am Arbeitsprozess im Endprodukt marginalisiert oder gar nicht abgebildet wird. Der Stimme kommt als epistemischem Tool eine Sonderrolle zu, Klang ist strukturgebend für ihre Arbeit als Künstler*innenduo. Innovation entsteht durch „die (Neu-)Konstellation verschiedener Medien, Recherchemethoden und Klang-Materialitäten sowie durch den forschenden Einsatz von Stimme.“ Hier findet eine Synthese zwischen Kunst und Wissenschaft statt, wobei die Wissenslogik literarische Textprodukte betreffend von der Basis aus neu gedacht wird. 

Rückblick: Lyriktreffen 2024

Eine Audiokomposition von Studierenden zur Reflexion über Lyrik & Sprachklang


Im Rahmen eines Seminars an der Universität Münster, initiiert von Prof. Dr. Britta Herrmann und begleitend zum Lyriktreffen 2024, setzten sich Studierende der Kulturpoetik mit den Themen Poesie, Alltag und Klang auseinander.

Teil des Seminars waren Gespräche mit den internationalen Autor*innen, die am Lyrikfestival teilgenommen haben. Die hieraus entstandenen Interviewaufnahmen dienten den Studierenden Anselm Amanda Herbster, Florian Kraß und Julia Rosin als Ausgangsmaterial, um sich auch über den Rahmen des Seminars hinaus weiter mit Klang und Klangkomposition zu beschäftigen. Im Mittelpunkt stand dabei ein experimenteller Zugang zu den lyrischen Stimmen, beziehungsweise das Komponieren und Arrangieren von Klangmaterial. 

Die Studierenden haben das Audiomaterial rezipiert und dabei verschiedene Gemeinsamkeiten innerhalb der Aussagen der Autor*innen herausgearbeitet. Diese Vorarbeit lieferte die Grundlage, um die Aussagen nach inhaltlichen und akustisch-ästhetischen Qualitäten neu anzuordnen. Dadurch wurden sie zugleich auf die Wirkkraft des Materials selbst aufmerksam. So entstand die Idee der vorliegenden Komposition, die sich dem Zusammenwirken von Sprache, Klang, Dichtung und Übersetzung widmet und dabei durch die Beteiligung verschiedener O-Tonaufnahmen mit je eigener Klangspezifik im Ansatz selbst Gegenstand dessen werden kann, worüber sie inhaltlich referiert. 

Über die einzelnen Abschnitte lässt sich eine alternative Hörreihenfolge wählen, sodass sich die Eindrücke neu zusammensetzen und anders gestalten lassen. 

Abschnitt 1: Dichtung
Abschnitt 2: Übersetzung
Abschnitt 3: Sprachklang

Wir danken
Mila Haugova
Lubi Barre
Chrystyna Nazarkewytisch
Dincer Gücyter
Alida Bremer
Marko Pogacar
Lütfiye Güzel

dafür, dass wir sie im Rahmen des Seminars interviewen durften und außerdem die Möglichkeit bekommen haben, mit den Tonaufnahmen weiterzuarbeiten.

Diesen Beitrag teilen wir anlässlich des Lyriktreffen Münster 2026, das vom 3.-5. Juli erneut stattfindet. Weitere Informationen hier. 

Phonopoetische Erkundungen: Workshop und Performance-Abend am 7. Mai 2026

„Neue Formen, die als Sprachspiele, Schallspiele, Hörtexte, Hörkollagen, Hörobjekte oder Hörbeispiele bezeichnet werden, nehmen in wachsendem Maße neben den Handlungs- und Unterhaltungshörspielen traditioneller Art einen selbstverständlichen Platz im Programm der Rundfunkanstalten ein. Wahrscheinlich wird man eines Tages feststellen, daß […] die Hörspielabteilungen auf dem Gebiet der heute als experimentell bezeichneten Literatur eine entscheidende, wenn nicht die führende Rolle übernommen hatten. Die Revolution innerhalb des Hörspiels wird von einer Avantgarde, vor allem junger Autoren und Regisseure, vorangetrieben.“

Dies formulierte Hans Schmitthenner, Hörspielleiter des Bayerischen Rundfunks, im Jahr 1969. Das ist lange her. Zu dieser Zeit war die Remodellierung der subjekt- und gesellschaftskonstituierenden Realität von Sprache, von sprachlichem Handeln, Hörverhalten und Klangereignissen ein Ziel akustischer (und anderer) Literaturformen.

Was ist der Stand der Diskussion heute?

  • Wo (in welchen Formaten) gibt es derzeit ästhetische Innovationen – nicht nur im Hörspiel, sondern überhaupt in akustischen Künsten resp. Formen von akustischer Literatur?
  • Wie setzen sich diese in Beziehungen zu gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen?
  • Wie schließen diese Entwicklungen an Neo-Avantgarden, z.B. Neues Hörspiel und Sound Poetry, an – oder eben nicht?
  • Welche Rolle spielt dabei (noch) der Rundfunk – und will er spielen?

Im Gespräch mit Fachleuten aus Rundfunk, Wissenschaft und Kunst werden diese Fragen diskutiert und vertieft. Mit dabei sind u.a. Martina Müller-Wallraf (WDR), Ingo Kottkamp (DLR Kultur), Andreja Andris (Hörspielfestival Berlin), Andreas Bülhoff (Burg Hülshoff/Center for Literature), Tabea Nixdorff und Monique Ulrich.

Abends werden in der Studiobühne drei sprachkünstlerische Duos in dialogischen Formaten auftreten. Sprache wird hier mit künstlerischen Mitteln als Ereignis untersucht.

Club Real treten in ihrer Performance Organismendemokratie in einen Dialog und verhandeln Rechte für alle Lebewesen. Als Insekten verkleidet wird leidenschaftlich diskutiert, ein Dialog als Streitgespräch. Club Real wurde 2000 in Berlin gegründet und realisiert unterschiedliche Kunst- und Performanceprojekte, oftmals partizipativ und ortsspezifisch. Neben ihren Performances lädt Club Real das Publikum auch in Installationen, Eins-zu-Eins-Begegnungen, und politischen Rollenspielen dazu ein, alternative Realitätsentwürfe mitzugestalten.

Ulrich Nixdorff (Monique Ulrich und Tabea Nixdorff) performen Paratexte – Texte, die neben dem eigentlichen Textkörper stehen, etwa Widmungen oder Fußnoten – die sie in Archiven und Bibliotheken sammeln. Ihr Stück Sounding Out (Reading Paratexts) erkundet dieses ‚neben‘ als Ort und hört sie als Zeugnisse der vielen Arbeitsschritte und kollektiven Anstrengungen bei der Entstehung eines Buches ab. Als Künstlerinnen-Duo arbeiten die beiden seit 2018 zusammen und haben seither performative Lesungen gegeben und während Aufenthaltsstipendien gemeinsam recherchiert.

Das Duo Andreas Bülhoff und Marc Matter verwandeln Wortmusik in ein DJ-Set, indem Schleifen (Loops) aus mehrdeutigen Wörtern übereinandergeschichtet und mit Soundeffekten verfremdet werden. In ihrer Sound-Performance Again As wird auf vier Plattenspielern eine Art Sprechmusik auf der Basis von zusammengemischten Schallplatten improvisiert. Von diesem Projekt existiert auch eine Radiofassung, die vom SWR Rundfunk in Auftrag gegeben wurde. Die beiden betreiben auch das Verlagsprojekt Spoken Matter, welches sprachbasierte Audioarbeiten auf Tonträgern und im Internet zugänglich macht.

„Language Sound Matters: Poetry in Performances“ ist eine experimentelle und spielerische Veranstaltung. Die Performances eröffnen Zugänge zu Texten jenseits des Lesens: Literatur ist hier Sound und Performance von Menschen und nicht-menschlichen Wesen – Stimme, Klang, Wiederholung und Rhythmus.

Eine Zusammenarbeit zwischen der Arbeitsstelle Phonopoetik/Prof. Herrmann und Burg Hülshoff – Center for Literature.

Ton an! Hörklub Phonopoetik

Am 01.12. traf sich der neu gegründete Hörklub Phonopoetik das erste Mal, um gemeinsam kurze Hörspielausschnitte zu hören und zu besprechen. Unter dem Motto Ton an! kam die hochschulinterne Runde zusammen, hörte in insgesamt 19 Hörstücke hinein, diskutierte Kontexte und Gestaltung – und stimmte über die Publikumslieblinge ab. Hörspiele, Hörtexte, experimentelle Arbeiten und Sound-Collagen, bis hin zu Sound Poetry und Aufnahmen von Performances umfasste das Spektrum, das älteste Beispiel, Hallo! Hier Welle Erdball! ging vor fast einhundert Jahren über den Sender, das neueste, Kontinuum, stammt aus dem letzten Jahr und überträgt Hörspiel und Radiokunst auf die Echtzeit-Logik des Internets.
Die knapp 15 Teilnehmenden waren durchweg positiv gestimmt, auch wenn das ein oder andere Hörstück für weit voneinander abweichende Wertungen sorgte. Das Fazit: So einen Hörabend soll es auf jeden Fall noch einmal geben! 

Unsere Publikumsfavoriten 

Platz 1
Stefan Weigl “Stripped. Ein Leben in Kontoauszügen” (WDR 2004) Originalhörspiel
Ungewöhnliche Form der Tagebuchliteratur, beziehungsweise der Autobiografie, erzählt anhand von vorgelesenen Kontoauszügen – erstaunlich, wieviel wir so über einen Menschen erfahren.
Fatma Aydemir “Dschinns” (NDR 2024)
Basierend auf einer Theaterfassung von Selen Kara. Eine empathische Annäherung an migrantische Schicksale in Deutschland, welche u.a. die Problematik der Schicksale sogenannter ‚Gastarbeiter‘ hörliterarisch herausarbeitet.

Platz 2
Paul Wühr “All diese Freiheit” (SFB 1972, erste Sendung 1992)
O-Ton Hörspiel über sexuelle Erfahrungen von Frauen – wurde damals nicht gesendet, weil die Aussagen der beteiligten Frauen als „zu gewagt“ erschienen. (ARD Mediathek)

Platz 3 
Wolf Haas “Das Wetter vor 15 Jahren” (HR/DLR Kultur 2018)
Hörspielbearbeitung von Oliver Sturm
Unterhaltsame Liebesgeschichten auf mehreren Ebenen, bei denen es wundern mag, warum das Hörspiel nicht vor dem Buch kam, weil es so gut zu der Dialogform passt. Ganz nebenbei und unaufgeregt, ist hier auch eine erzähltechnische Innovation zu entdecken.

Die Hörliste

1) Friedrich Bischoff „Hallo! Hier Welle Erdball!“(1928)

Ein Klassiker und eines der ältesten erhaltenen Hörspiele überhaupt, klingt ästhetisch erstaunlich modern!

2) Herrmann Bohlen „Schalltot oder lebendig“ (NDR/SWR 2015) Originalhörspiel

Ein Hörspiel über die Produktion von Hörspielen, mit dem Herrmann Bohlen üblichen Schalk im Nacken.

3) Ingeborg Bachmann “Der gute Gott von Manhattan” (NDR/BR 1958)

Ein weiterer Klassiker der Hörspielgeschichte, in dem große Themen der Menschen (Liebe, Zueinanderfinden) in kurzen, zusammenhängenden Episoden, verhandelt werden.

4) Friederike Mayröcker „Arie auf tönernen Füßen“  (WDR 1970/ORF 1982)

Innerer Monolog, oder Dialog mit stummem Gegenüber? Konzentriert und eindringlich.

5) Paul Wühr “All diese Freiheit” (SFB 1972, erste Sendung 1992)

O-Ton Hörspiel über sexuelle Erfahrungen von Frauen – wurde damals nicht gesendet, weil die Aussagen der beteiligten Frauen als „zu gewagt“ erschienen. (ARD Mediathek)

6) Ilse Aichinger „Auckland“ (NDR/SDR 1970)

Und noch mehr Klassiker: Erinnerungen in einer Sprache aus Hilfswörtern, ausgetauscht von einer Handvoll nicht näher bestimmten Personen im Irgendwo.

7) Gerhard Rühm „Wald. Ein deutsches Requiem“ (WDR 1983)

Einer der emsigsten Hörspielmacher des 20. Jahrhunderts geht dem damals schon akuten Phänomen des Waldsterben nach, mit Hang zu Experimenten und neuen Formen.

8) Ferdinand Kriwet „Radioball (Hörtext XI)“ (WDR 1975)

Mit souveräner Eigenwilligkeit wird hier eine der populärsten Sportarten überhaupt zerlegt, sortiert und wieder neu zusammengefügt: eine rasante Collage aus Medien-O-Ton.

9) Andreas Ammer & FM Einheit, nach Dante Alighieri „Radio Inferno“ (BR/HR 1993)

Ein weiterer fleißiger Hörspielmacher bearbeitet mit FM Einheit von der Band Einstürzende Neubauten Dantes Opus Magnum nach allen Regeln der Radiokunst.

10) Christoph Schlingensief „Rosebud“ (WDR 2002)

Eine mitreißende Tour de Force des viel zu früh verstorbenen Film-, Performance-, und Theaterkünstlers.

11) Stefan Weigl „Stripped. Ein Leben in Kontoauszügen“ (WDR 2004)

Ungewöhnliche Form der Tagebuchliteratur, beziehungsweise der Autobiografie, erzählt anhand von vorgelesenen Kontoauszügen – erstaunlich, wieviel wir so über einen Menschen erfahren.

12) Antje Vowinckel „Rochenununterbrochen. Eine automatische Stunde“ (WDR 2008)

Das Prinzip des ‚automatischen Schreibens‘ aus dem Surrealismus entlehnt und auf das Sprechen übertragen, bildet hier den Ausgangspunkt für ein dichtes Netz aus freier Rede.

13) Sibylle Berg „Und sicher ist mit mir die Welt verschwunden“ (MDR 2021)

Eine Hörspielbearbeitung des gleichnamigen Theaterstücks, in dem das Sprechen und die technologische Bearbeitung zwar minimal, aber umso wirkungsvoller eingesetzt werden.

14) Fatma Aydemir „Dschinns“ (NDR 2024)

Basiert ebenfalls auf einer Theaterfassung (Selen Kara): Eine empathische Annäherung an migrantische Schicksale in Deutschland, welche u.a. die Problematik der Schicksale sogenannter ‚Gastarbeiter‘ hörliterarisch herausarbeitet.

15) Wolf Haas „Das Wetter vor 15 Jahren“ (HR/DLR Kultur 2018)

Unterhaltsame Liebesgeschichten auf mehreren Ebenen, bei denen es wundern mag, warum das Hörspiel nicht vor dem Buch kam, weil es so gut zu der Dialogform passt. Ganz nebenbei und unaufgeregt, ist hier auch eine erzähltechnische Innovation zu entdecken.

16) Lütfiye Güzel „Essen“ (CD 2019). auf „Sahnestücke“ CD von Kaffee und Kuchen

Eine poetische Miniatur auf dem Anrufbeantworter von einer der begnadetsten – und viel zu wenig beachteten – Erzähler:innen deutschsprachiger Literatur.

17) Francoise Cactus „Autobigophonie“(BR 2004)

Liste der ‚Sponsoren‘ – von Drehtabak über Haarwachs bis zur Illustrierten – als Abspann dieser eigenwilligen Autobiografie der ebenfalls viel zu früh verstorbenen Musikerin und Künstlerin.

18) Anne-James Chaton „Jeudi 22.01.2009: Evenement No. 20“ (Raster-Noton 2011)

Poesie Sonore auf CD und als Performance, Sprach-Techno aus Zeitungsüberschriften und Alltagstexten.

19) Hanne Lippard „Work“ (Collapsing market 2020)

Spoken Word Experimente auf Sprechschallplatte (LP/CD/DL)

Zum Ausklang – und außer Konkurrenz – wurde der Stream des Radiokunst-Projekts „Kontinuum: Der springende Punkt“ von Rosa Barba und Jan St. Werner abgespielt, ein auf die Internetlogik übertragenes abstraktes Hörspiel, so nah am Puls des Jetzt wie nur (technisch) möglich. Es existiert eine zusätzliche Hörspielfassung von Deutschlandfunk Kultur / ORF (2024).

illustrierte Darstellung eines Funkturms

Internationale Tagung: 100 Jahre Hörspiel – Die Anfänge der radiophonen Literatur in der Weimarer Republik, Universität Münster, 24.10 – 25.10.2024

 

Am 24. Oktober 1924 lief im neuen Medium Rundfunk das erste deutsche Hörspiel: Hans Fleschs medienreflexive ‚Funkgroteske‘ Zauberei auf dem Sender. Kurze Zeit später bildete sich eine große Bandbreite neuartiger, radiophoner Literatur heraus. Dazu gehören sowohl medienspezifische Transpositionen von Theater- und Prosatexten als auch zahlreiche Originaltexte für den Funk, darunter neue Formate wie Lehrstücke, interaktive Sendungen, Hörbilder und Features, immersive und klanglich experimentelle Arbeiten.

Doch obwohl zahlreiche renommierte Autoren/Autorinnen für den Rundfunk gearbeitet haben und obwohl die Anfänge so gut wie aller noch heute gängiger Genres – etwa auch des Kinderhörspiels – hier zu finden sind, ist die „große Zeit des Abenteuers im akustischen und phonetischen Gefild“ (Fritz Walter Bischoff) literaturgeschichtlich, medien- und kulturwissenschaftlich sowie aus didaktischer Perspektive erstaunlich wenig erforscht.

Aus Anlass des einhundertsten Geburtstag des Hörspiels setzt die Tagung sich mit frühen Überlegungen zu funkliterarischen Ästhetik auseinander, mit dem Stand der Dokumentation von Hör- und Sendespielen des Weimarer Rundfunks, mit Anleihen der neuen Kunst- und Unterhaltungsform an Oper und Reportage, mit akustischen Raumkonstruktionen und Katastrophenerzählungen, mit didaktischen Provokationen und dem generellen Verhältnis von Pädagogik und Rundfunk.

Interessierte sind herzlich eingeladen!

Das Programm der Tagung finden Sie hier.


Vorberichterstattung finden Sie auf Seite 5 der Münsteraner Universitätszeitung wissen/leben.

Organisation: Prof. Dr. Britta Herrmann und Prof. Dr. Sebastian Bernhardt

everyday sounds – So klingt Münster

Wie klingt Münster? Im Rahmen des Seminars „Poesie und Alltag“ konnten Studierende dieser Frage in Zusammenarbeit mit der Klang- und Medienkünstlerin Anja Kreysing nachgehen. Die Ergebnisse wurden in der partizipativen Klanginstallation „everyday sounds“ im Haus der Niederlande im Krameramtshaus vom 19. April bis 12. Mai präsentiert. Die einzelnen Soundscapekompositionen der Klanginstallation können Sie sich unten anhören.